
Philipp Welte, Alexandra von Rehlingen, Kristina Tröger, Lars Haider, Julia Becker

Julia Becker Verlegerin Funke Medien, Lars Haider Chefredakteur Hamburger Abendblatt,Kristina Tröger CeU-Präsidentin
Der Club europäischer Unternehmerinnen e. V. (CeU) unter Führung von Initiatorin und Präsidentin Kristina Tröger lud zu einem besonderen Abend in das Hotel Vier Jahreszeiten ein: Im inspirierenden One-on-One-Gespräch begrüßte sie Lars Haider, den Chefredakteur des Hamburger Abendblatts – eine prägende Persönlichkeit der norddeutschen Medienlandschaft.
Haider, der seit 2011 an der Spitze des Hamburger Traditionsblatts steht, ist mit dem Abendblatt seit seiner Kindheit eng verbunden. Schon auf dem Wohnzimmerschrank seiner Eltern stand ein Foto ihrer Hochzeitskutsche – geschmückt mit dem Logo der Zeitung. Heute, fast 15 Jahre nach seinem Amtsantritt, blickt er auf eine Medienwelt im radikalen Wandel: 2011 lag der Fokus noch klar auf Print, mit einer Auflage von rund 260.000 Exemplaren. Heute sind es im Printbereich nur noch 80.000 bis 90.000, dafür jedoch fast mehr digitale als gedruckte Abonnenten. Das Durchschnittsalter der Printleser liegt bei etwa 70 Jahren, während die digitale Leserschaft deutlich jünger ist. Insgesamt erreicht das Hamburger Abendblatt inzwischen 1,5 Millionen Menschen täglich – über eine Kombination aus Print, Digital und Podcasts.
Haider zeigte sich dabei überzeugt, dass Podcasts und audiovisuelle Formate künftig eine noch größere Rolle spielen werden. Schon jetzt sei zu sehen, dass das Durchschnittsalter der Podcast-Hörer über 20 Jahre unter dem der Leser liegt – ein klarer Hinweis auf den Generationswechsel in der Mediennutzung. In den kommenden fünf Jahren, so seine Einschätzung, werde der Anteil an Audio- und Videoinhalten dramatisch zunehmen
Auch das Thema Künstliche Intelligenz prägte das Gespräch: „Das Normale, was jeder kann – das kann KI besser“, erklärte Haider pointiert. Für Journalistinnen und Journalisten bedeute das, sich auf das zu konzentrieren, was KI nicht leisten kann. Beim Hamburger Abendblatt gilt deshalb das Prinzip der Transparenz – wenn ein Text mithilfe von KI erstellt wurde, wird das auch offengelegt. Zwar nutzt die Redaktion KI regelmäßig in der Recherche, doch die eigentlichen Texte stammen weiterhin von Menschen.
Mit großer Offenheit sprach der Chefredakteur auch über die Herausforderungen des Medienmarktes. In Hamburg stehen mit dem Hamburger Abendblatt und dem NDR zwei starke Medienhäuser nebeneinander. Während der NDR gebührenfinanziert sei und bei Google-Suchen prominent erscheine, müsse sich das Abendblatt „jeden Cent selbst verdienen“ – ein harter Wettbewerb. Dennoch gelingt es dem Haus, über eigene Social-Media-Redaktionen, insbesondere über Instagram, neue Zielgruppen zu erreichen. Doch Haider sieht darin auch Risiken: In den schnellen, oft oberflächlichen Formaten sozialer Medien sei Qualitätsjournalismus schwer zu vermitteln. Viele Menschen seien schlicht nicht mehr in der Lage, komplexe Zusammenhänge in wenigen Sekunden zu erfassen – eine Entwicklung, die er als ernsthafte Herausforderung für die Demokratie bezeichnete.
Sein klares Plädoyer: Social Media erst ab 16 Jahren und Handyverbote an Schulen. Junge Menschen lebten zunehmend „in einer anderen Welt“, so Haider, und seien damit auch besonders anfällig für Manipulation.
Mit Blick auf das Vertrauen in die Medien zeigte sich Haider jedoch optimistisch: Gerade in Krisenzeiten wie während der Corona-Pandemie habe das Hamburger Abendblatt eine enorme Glaubwürdigkeit bewiesen – die Verkaufszahlen waren damals so hoch wie nie. „Wenn es wirklich um wichtige Fragen deines Lebens geht, dann kommen die Leute zu Qualitätszeitungen“, sagte er. Hamburg sei in seinen Augen bis heute ein zentraler Standort für Qualitätsjournalismus – mit starken Marken wie der Zeit, dem Stern, der Tagesschau und dem Abendblatt.
Besonders eindrücklich war seine Haltung zur Verantwortung im Journalismus: „In Hamburg triffst du die Menschen, über die du berichtest, am nächsten Tag auf der Straße“, sagte er. Diese Nähe sorge für ein besonderes Maß an Achtsamkeit und Wahrhaftigkeit in der Berichterstattung.
Gefragt nach den Zukunftsstrategien in Zeiten der Disruption betonte Haider, dass klassische Medien von den Mechanismen der Social-Media-Welt lernen könnten. Heute gehe es darum, Menschen hinter Marken sichtbar zu machen – ein Prinzip, das an Influencer erinnert: „Menschen werden Marken.“ Das Abendblatt setze zunehmend auf Audio, Video und persönliche Formate, um seine Journalistinnen und Journalisten als glaubwürdige Gesichter der Marke zu etablieren.
Auf die Frage, ob wir Angst um die Wahrheit haben müssten, antwortete Haider eindeutig: Ja. Denn viele Menschen verwechselten Meinungen mit Fakten, wodurch Wahrheit zu einem dehnbaren Begriff geworden sei.
Auch wirtschaftliche Fragen kamen zur Sprache. Natürlich müsse eine Zeitung profitabel sein, doch Haider stellte klar: „Das, was wir machen, muss stimmen. Das Einzige, was wir haben, ist Glaubwürdigkeit.“
Abschließend sprach er über Diversität in seiner Redaktion: Unter seiner Leitung sind inzwischen 50 % der Teamleiterinnen Frauen, zudem achtet er auf Vielfalt hinsichtlich Alter, Herkunft und Lebensumfeld. Allerdings sei es schwierig, alle Perspektiven abzubilden, gerade weil viele Journalistinnen und Journalisten nicht in den Problemvierteln leben.
Der Abend mit Lars Haider bot den zahlreich erschienenen Unternehmerinnen spannende Einblicke in den Wandel der Medienwelt, die Rolle des Qualitätsjournalismus und den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Eine anregende Diskussion, die verdeutlichte, wie sehr sich Journalismus im Spannungsfeld zwischen Digitalisierung, Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung neu erfinden muss – und einmal mehr ein Beweis für die beeindruckende thematische Bandbreite des CeU: großartig!
















