
Stephan Grünewald (rheingold.INSTITUT), Bettina Klier-Zühlsdorff (Klier Hair Group) und Kristina Tröger
Auf Einladung von Club-Präsidentin und Initiatorin Kristina Tröger begrüßte der Club europäischer Unternehmerinnen den renommierten Diplom-Psychologen, Bestseller-Autor und Mitbegründer des Rheingold-Instituts, Stephan Grünewald, zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung im Hotel Vier Jahreszeiten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie Selbstbehauptung in einer zunehmend verunsichernden Welt gelingen kann.
Grünewald, bekannt durch zahlreiche Bestseller – zuletzt „Wir Krisenakrobaten. Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft“ –, zeichnete ein eindringliches Bild des aktuellen gesellschaftlichen Zustands. Die gegenwärtige Lage, so seine Analyse, sei geprägt von einem Gefühl kollektiver Orientierungslosigkeit. Bildhaft verglich er diese Situation mit einem „falschen Fahrwasser“, in dem sich die Gesellschaft festgefahren habe. Die zentrale Herausforderung bestehe darin, aus dieser Manövrierunfähigkeit wieder herauszufinden.
Während viele Menschen ihr persönliches Leben weiterhin optimistisch bewerten, blicken laut Studien lediglich 23 Prozent zuversichtlich auf die gesellschaftliche Zukunft. Diese Diskrepanz führt laut Grünewald zu einem Rückzug ins Private: Bis zu 93 Prozent der Menschen reagieren mit verstärkter Selbstbezüglichkeit und ziehen sich in eine Art „Schneckenhaus“ zurück. Begleitet wird dies von Phänomenen wie Wagenburgmentalität, dem Aussortieren Andersdenkender und einer zunehmenden Scheu vor offenem Diskurs.
Gleichzeitig beobachtet der Psychologe eine „gestaute Bewegungsenergie“, die sich in Wut, Eskapismus, Verschwörungstheorien oder auch in rastloser Betriebsamkeit entlädt. Viele Menschen versuchen, die diffuse Bedrohungslage durch Ablenkung, übermäßigen Medienkonsum oder eine Dramatisierung möglicher Krisenszenarien zu bewältigen.
Ein zentrales Problem sieht Grünewald in einem „visionären Vakuum“: Zwar werde politisch von einer Zeitenwende gesprochen, doch fehle es sowohl an einem bewussten Abschied vom Alten als auch an einer klaren Zukunftsvision. Statt Aufbruch dominiere der Blick zurück. Gleichzeitig werde der Perspektivwechsel – eine Grundvoraussetzung demokratischer Prozesse – zunehmend vermieden.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Grünewald der Rolle von Unternehmen. Ihnen werde derzeit mehr Vertrauen entgegengebracht als der Politik. Unternehmen könnten durch glaubwürdige Werte, gelebten Purpose und starke Gemeinschaftsstrukturen entscheidend zur gesellschaftlichen Stabilisierung beitragen. Gerade Familienunternehmen schöpften hier aus ihrer Geschichte und vermittelten Orientierung und Zugehörigkeit.
Als positives Beispiel für gesellschaftliche Handlungsfähigkeit nannte Grünewald die Energieeinsparungen während der Ukraine-Krise: Eine Reduktion um 20 Prozent sei nur durch gemeinsames Handeln möglich gewesen. Dass dieser Erfolg politisch kaum gewürdigt wurde, bewertet er als vertane Chance zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und des Bewusstseins der Handlungsfähigkeit.
Mit Blick auf notwendige Veränderungen formulierte Grünewald klare Handlungsempfehlungen: Es brauche ein überzeugendes Zielbild für die Zukunft, die Bereitschaft, eigene Schwächen einzugestehen, sowie ein gestärktes Bewusstsein für die Kraft von Gemeinschaft. Nur so könne die derzeit blockierte gesellschaftliche Energie wieder in konstruktive Bahnen gelenkt werden.
Besorgniserregend sei insbesondere die Situation junger Menschen. Während frühere Generationen noch von Aufbruch und Selbstverwirklichung geprägt gewesen seien, dominierten heute Zukunftsängste und Unsicherheit. Viele Jugendliche fühlten sich in ihrer Ausdrucksfähigkeit gehemmt – nicht zuletzt durch die Dynamiken sozialer Medien. Die Folge sei eine wachsende mentale Unruhe, die sich zunehmend auch in psychischen Belastungen äußere.
Grünewald plädierte abschließend für mehr analoge Begegnungen und eine Rückkehr zu einer respektvollen Streitkultur. Demokratie, so seine zentrale Botschaft, lebe vom Perspektivwechsel und vom offenen Austausch. Unternehmen könnten hierbei eine Schlüsselrolle einnehmen, indem sie Räume für Gemeinschaft schaffen und über ihre wirtschaftliche Funktion hinaus gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Der äußerst humorvoll gehaltene Vortrag von Stephan Grünewald und die interessanten Inhalte begeisterten die zahlreichen CeU-Unternehmerinnen. Die Veranstaltung bot den Teilnehmerinnen nicht nur fundierte Einblicke in aktuelle gesellschaftliche Dynamiken, sondern auch konkrete Impulse für unternehmerisches und gesellschaftliches Handeln in herausfordernden Zeiten.
















